aus Kapitel 6 - Leben wie Robinson - viel Vergnügen
Leben wie Robinson
Sokrates hätte sein Zeitgenosse sein können. Als er über ihn las, war ihm, als führte er ein Zwiegespräch. Hatte er sich geistig in die Antike zurückversetzt? War ihm Sokrates in seine Gegenwart gedanklich vorausgeeilt? Oder trafen sich beide in der selben zeitlosen Gedankenblase? Mark entdeckte, wie großartig zeit- und grenzenlos der Geist sein konnte. Sprünge von atomisch winzigen Dimensionen, zu Milliarden Lichtjahren entfernten Riesengalaxien schaffte er in Millisekunden. Es kam ihm vor, als eilten Gedanken schneller als das Licht. Von Neandertaler bis zum ersten Men- schen auf dem Mond, war es nur ein kleines Schrittchen. Ein Augenblick. Nicht länger als ein Wimpernschlag. Man konnte geistig durch Jahrmillionen reisen. Im Schnellverfahren. Sich zurück oder nach vorne versetzen. Doch im ewigen Jetzt zu verweilen war ungemein schwieriger. Es gelang ihm selten, seine sprudelnden Ge- dankenströme zum Schweigen zu bringen, aufdringliche Bilder auszulöschen. Wenn dann nur für Sekunden. Die Idee, einfach NICHTS zu denken, faszinierte ihn. Obwohl der Gedanke an sich paradox war, übte er eine seltsame Anziehungskraft auf ihn aus. War es das, was die großen Meister der Meditation als Nirwana bezeichneten? Die Leere, die Alles beinhaltete? Erreichte man sie, indem man es schaffte, nicht mehr zu denken? Lag darin der Schlüssel zur Lösung vieler, unlösbar scheinender Daseinsrätsel verborgen? Einfach nur loslassen, die eigenen Gedanken unbeteiligt, wie Wolken am geistigen Himmel vorbeiziehen lassen, sich gelassen zu distanzieren, unparteiisch, neutral, unabhängig. Mit jeder Fixierung war man einer Idee verhaftet, die faszinierend, beglückend, erschreckend oder mörderisch sein konnte. Verstrickte man sich tiefer eindringend, nahm sie einen zuweilen gefangen. Sobald man in eine Gedankenwelt eintauchte, welche auch immer, lebte man in ihr. Ob Kriminalroman oder naturwissenschaftliche Betrachtung. Ob Geschichtswerk oder Fiktion. Aktuelle Probleme existierten dann nicht mehr. Die eigene, unmittelbare Umgebung konden- sierte zu bedeutungslosem Dunst. Brauchte der Mensch geistige Welten, um der Realität seines unzulänglichen Daseins zu entfliehen? Verlor er damit nicht auch den Bezug zum SEIN im Hier und Jetzt? Andererseits hoben sie ihn über sein eigenes, begrenztes Sichtfeld hinaus, entführten ihn in großartige, fremde Sphären, boten ihm die Chance, eigene Horizonte zu überschreiten.
Brennholz sammeln, rief Marks innere Stimme. Die Welt hatte ihn wieder. Ihm war nach Kaffeepause zumute. Er erhob sich schweren Herzens, trennte sich von sokra- tischen und vermeintlich selbst gezimmerten Ideenwelten. Er ging in den Palmen- wald. Dort lagen in Mengen trockene Palmwedel. Er zerkleinerte sie mit einer Machete, schlichtete sie in einen Korb, trug ihn zur Hütte. Feuer anfachen, war sein nächster Gedanke. Logisch gefolgert, ohne philosophische Denkansätze. Zurück in der Realität banaler Notwendigkeiten. Qualm erfüllte die Kate. Er konnte kaum atmen, drehte rotbraune Bohnen durch eine Kaffeemühle. War das wirklich Kaffee? Der Geruch ließ keine Ähnlichkeit mit seiner, in Deutschland gewohnten Marke, erkennen. Das Feuer war schnell erloschen. Er ging erneut in den Wald, sammelte diesmal Palmblätter mit kräftigeren Spieren, die vielleicht höheren Brennwert hätten. Nach zehn Minuten war auch dieses Feuer kläglich erloschen. Was tun? fragte er sich. Zum Magazin an der Kreuzung fahren, seinem Kaufverlangen noch einmal nachgeben? Seine innere Stimme forderte klar und deutlich: Holzkohle, denn sein Körper verlangte sehnlich nach Kaffee. Er überlegte: Woher kam dieser Gedanke? Zuerst war das Bild. Also von außen! Nein. Von innen kam die Forderung. Eindeutig! Keine höhere Eingebung. Reines Verlangen. Stinknormale Sucht nach Kaffeege- nuss. Wenn er schon ins Dorf führe, würde er auch gleich Käse und Wurst mitbrin- gen. Das hatte er seit vier Wochen nicht mehr gegessen. Heißhunger befiel ihn. Frischer Kaffee und ein Wurstbrötchen schien ihm jetzt das höchste der Gefühle zu sein. Er sah es zum Greifen nah vor sich.
Nach einer knappen Stunde war er zurück in seiner Hütte. Feuer anfachen! Holzkoh- le aufschlichten. Er blies sich die Seele aus der Brust. Endlich fing die Kohle Feuer. Er pustete weiter, bis sich die unterste Schicht rot glühend verfärbte. Doch es dauer- te noch eine halbe Stunde, bis die ersten Bläschen im Wassertopf sprudelten. Dann endlich war es soweit. Er brühte Kaffee auf. Frische Brötchen hatte er nicht erstan- den. Trockenbrot. Zwiebackähnlich. Es war ihm egal. Eine dunkelrote Kochsalami lachte ihn an. Ein Traum in Pelle. Er goss braunen Sud in eine Tasse, süßte ihn reich lich mit dominikanischem Zucker. Deutsche Fernsehwerbung fiel ihm ein: Jakobs Kaffee wunderbar. Den ersten Schluck seiner neuen Hausmarke spuckte er reflexar- tig aus. Gewöhnungsbedürftig, dachte er. Beim zweiten Schluck begehrte sein Magen auf. Mark unterdrückte den Reflex, spülte mit braunem Rum nach. So war es erträglich. Dann rückte er der Wurst zu Leibe. Er liebte Salami über alles. Besonders Kochsalami. Er würde sich nicht gierig auf die Wurst stürzen. Dafür war der Augen- blick zu kostbar. Sorgsam legte er Trockenbrot in ein Körbchen, deckte den Tisch, entzündete eine Kerze. Die Wurst und ein Sägemesser lagen wie auf einem Opferal- tar bereit. Dann nahte der große Augenblick: Anschnitt – mitten durch die Wurst. Er roch ihren fleischigen Duft. Gut gewürzt, vermutete er. Er machte roten Paprika und grüne Pfefferkörner aus aber auch undefinierbare, weißliche Krümel. Dann schnitt er eine fingerdicke Scheibe ab, entfernte die Pelle und kostete: Sägemehl??? Sie schmeckte wie frisch gepresste Spanplatte. Scheußlich. Nie wieder würde er im Ma- gazin Kochsalami kaufen. Sie war die einzige Wurstsorte auf Samana. Trotzdem. Künftig käme nur noch Fisch auf den Tisch. Fleisch würde er ein für allemal aus seinem Leben streichen. Ließ sich auch sein Unterbewusstsein von diesem Vorsatz beeindrucken? Ein trockenes Brötchen, mit ebensolchem Käse, tröstete ihn fürs erste über seinen Wurstfrust hinweg.
Böiger Wind wehte von Land her, bewegte die Palmen. Ihrem Rauschen entnahm Mark leise Melodien, die sich zum da Capo steigerten, sobald eine Bö über den Palmenwald brauste. Dann verklangen sie, hoben zum nächsten Satz an. Adagio. Dem Wind lauschen, Wolkengebilde betrachten, nährte die bunte Bühne seiner Phantasie. Was barg die Natur für großartige Geheimnisse. Ihr Wesen war nichts als GEBEN. Sie gab ihm kindliches Staunen zurück, schöpferische Energie und tiefsten Seelenfrieden. Gratis. Die wertvollsten Dinge der Welt kosteten kein Geld. Tatsächlich sang der Wind ein Lied für die, die es hörten. Wolken kreierten unzählige Kunst- werke für solche, die ein Auge dafür hatten.
Welchen Preis zahlten die Menschen für einen Augenblick flüchtigen, scheinbaren Glücks, für momentane Illusionsbefriedigung? Das wahre Glück war unbezahlbar. Es hatte keinen Preis, nur einen Namen: Zufriedenheit. Seine Krone hieß Weisheit. Sein Wesen war Liebe.
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